Larissa Abdelhadi – eine Architektin, die sich einsetzt

Larissa vor dem Kursaal
(Foto privat)

Larissa Abdelhadi ist Architektin, sie arbeitet bei asp, dem Architekturbüro, das den Rosenstein-Quartier-Wettbewerb gewonnen hat und jetzt aktuell auch den Wettbewerb zur Neugestaltung der alten B14.

Sie selber baut zurzeit die Daimler-Kantine in Untertürkheim. Den Wettbewerb dafür hat sie zusammen mit ihrem Team 2017 gewonnen. Nach zwei Jahren intensiver Arbeit hat sie letzten Herbst eine Pause eingelegt und Zeit gefunden für ein Gespräch am Juno-Brunnen im Kurpark.

Palästinenserin aus Israel

Larissa ist Palästinenserin und kommt aus Israel, wo ihre ganze Familie lebt. Sie ist in Haifa geboren und in Nazareth aufgewachsen. Sie gehört zu den Palästinensern, die nicht aus Israel vertrieben wurden. Ihre Familie ist liberaler als andere arabische Familien. Ihr Vater, ein Arzt, war Kommunist. „Wir haben Religion weder praktiziert noch geglaubt.“

Haifa

Sie hatte schon als junges Mädchen ihren eigenen Kopf und hat „ … sehr schnell gesehen, dass ich dort nicht bleiben kann“. Sie wollte Architektin werden. „Ich wollte bauen, ich hatte diese Vision. Meinen ersten Grundriss hab ich mit 12 Jahren gezeichnet. Architektur hat mit mir gesprochen. Ich wusste, ich will das werden.“

Architekturstudium in Deutschland

Nach der Schule beschloss sie, zum Studium nach Deutschland zu gehen. Aber zunächst musste sie in Israel ein Jahr lang arbeiten, um sich den Aufenthalt in Deutschland finanzieren zu können. Dann ist sie nach Heidelberg um Deutsch zu lernen und anschließend zum Studium nach Karlsruhe. Seit 2005 ist Larissa in Stuttgart, wo sie ihr Studium abgeschlossen hat. Ihren Mann Martin, der in Cannstatt geboren ist, dessen Familie aber aus Kroatien stammt, hat sie 2012 geheiratet

Als Larissa nach Deutschland kam, hat sie ihre Freiheit genossen. „Es ist Freiheit, dass ich einfach hier sitzen und rauchen kann, ohne dass ich dumm angemacht werde. Das empfinde ich ganz klar als Freiheit, auch wenn es so banal klingt.“

Larissa ist eher extrovertiert, sie lernt gerne Menschen kennen. Da sie – entsprechend ihrer arabischen Tradition – immer alles teilt, kommen alle gerne zu ihr. Manchmal wurde ihre Großzügigkeit ausgenutzt und sie musste lernen Grenzen zu setzen.
Aber ihr Essen teilt sie immer noch gerne.

Als Diplomarbeit Planung eines Frauenzentrums in Jerusalem

Im Rahmen ihrer Diplomarbeit hat sie – kritisch beäugt von ihrem Professor – ein kulturelles und pädagogisches Zentrum für Frauen in Jerusalem geplant – nicht gebaut. Für ALLE Frauen. Sie wollte Frauen zusammen bringen, deren Söhne im Krieg auf verschiedenen Seiten kämpfen. Sie wollte diese Frauen ins Gespräch bringen, sie sollten zusammen kochen, Alltag leben. Geplant hatte sie das Zentrum in einem Niemandsland zwischen West- und Ostjerusalem, sodass alle Frauen dorthin kommen könnten. Die Frauen könnten dort lernen, Kino schauen, sich beraten lassen – auch bei häuslicher Gewalt … Die Herausforderung für sie war, diese Gedanken in Architektur umzusetzen. Sie hat eine bewusst klare Architektursprache gewählt, weil die Stadt Jerusalem schon kompliziert genug ist, wie sie sagt.

Natürlich beschäftigt sie die Lage im Nahen Osten sehr. Sie als Palästinenserin mit einem israelischen Pass ist in einer besonderen Situation. Sie darf in fast kein arabisches Land einreisen, weil sie als Feind der Araber angesehen wird. Von den Palästinensern wiederum wird ihre Familie als Verräter angesehen, die im Land geblieben sind und sich mit den Israelis arrangieren. Dabei wurden sie enteignet und mussten dann zuschauen, wie Israelis ihre Häuser nutzten.

Aber Larissa Abdelhadi sieht durchaus die Vorzüge eines Landes wie Israel gegenüber manchen arabischen Ländern. Viele der Israelis kamen aus Deutschland und haben z.B. ein Versicherungssystem aufgebaut, das dem deutschen ähnelt. Und sie meint, dass man in Israel auf jeden Fall besser lebt als in manch arabischen Land – auch wenn ihr das zuzugeben schwerfällt.

Schwieriges Verhältnis zwischen Juden und Palästinensern in Israel

Von den Juden in Israel werden die Araber diskriminiert – und umgekehrt ist es ähnlich. „Die leben seit 70 Jahren zusammen, sie sind in Allem voneinander abhängig, sie können nicht autonom leben. Aber immer gilt: Du bist der Feind. Jeden Tag muss man das mitkriegen, beim Busfahrer, an der Uni, täglicher Rassismus beim Brotkaufen.“
Auch ihre Generation vermischt sich nicht. Arabische junge Leute haben kaum jüdische Freunde, auch wenn sich die Kontakte in den letzten Jahren vermehren. Das erzählt auch ihre Schwester, die als Schauspielerin und politische Aktivistin in Haifa lebt. Aber diese ist überzeugt, dass, wenn es hart auf hart kommt, sich die Israelis gegen die Araber durchsetzen werden, um ihr Land zu verteidigen. Notfalls mit Gewalt. Larissa glaubt, dass die Erziehung zum Miteinander im Kindergarten beginnen muss, mit guter Nachbarschaft, mit alltäglichem Miteinander.

Die Siedlungspolitik der Israelis sieht sie sehr kritisch. Sie erhofft sich von der deutschen Politik, dass diese sich kritisch gegenüber der israelischen Siedlungspolitik äußert. Dann würden auch die anderen europäischen Staaten folgen. Und die Staaten im Nahen Osten müssten sich auf Kompromisse einlassen, auch die Israelis. Sie setzt da wirklich große Hoffnungen auf Deutschland, das Land, das ihre Heimat geworden ist. „Was daraus wird? Auf jeden Fall besser als das, was jetzt ist. Gar keine Frage. Aber nur, wenn sich die Deutschen von ihrem schlechten Gewissen lösen und auf den Tisch hauen und sagen: Das ist unmenschlich, ihr verstoßt gegen alle Gesetze.“
Auch das israelische Volk, da ist sie überzeugt, will den Frieden und wäre bereit Kompromisse einzugehen.

Gute Kontakte zur Familie in Israel

Zu ihrer eigenen Familie hat Larissa einen guten und engen Kontakt. Einmal im Jahr besucht sie ihre alte Heimat und dann werden große Familienfeste gefeiert, auch wenn die Familie Abdelhadi nicht immer einer Meinung ist. So bekommt Larissa zum Beispiel viel Druck, dass sie selbst keine Kinder hat: „Eine Frau muss in deren Augen mit 36 Jahren Kinder haben.“
Larissa hat viel Kontakt mit ihren Eltern und Geschwistern übers Internet. Die große Distanz hat – so sagt sie – zu einem besseren Verhältnis mit ihrem Vater geführt. Sie sieht heute die Ähnlichkeiten zwischen sich und ihrem Vater.

Hilfe für syrische Flüchtlingen

Gegenüber ihrem Büro in der Talstraße war im Herbst 2015 in der Sporthalle der Schule ein Flüchtlingsheim für 120 Personen eingerichtet worden. Als die junge Heimleiterin bei ihnen im Büro nach Sachspenden fragte, bot Larissa ihre Hilfe an.

Larissa mit syrischen Flüchtlingen auf dem Weg zum Konzert von Chorisma Cannstatt (2015) (Foto privat)

„Mich hatte es eh schon in den Fingern gekribbelt. Ich wollte Kontakt zu den Syrern, aber ich wusste nicht wie. Und die wurden mir jetzt wie auf dem goldenen Tablett serviert. Ich hab alles, was ich zuhause an Decken, Socken, warmen Klamotten übrig hatte, genommen und mit meinen Kollegen zusammen rüber gebracht. Und dann hab ich Kontakt aufgenommen. Es ist nichts einfacher als ein Gespräch anzufangen – insbesondere mit einer rauchenden Frau. Kopftuch auf, aber draußen rauchen. Da wusste ich: Ich mag dich!“ Diese Frau hatte den Schal ihrer Oma an, ziemlich dick und ziemlich rosa. Mit dicken Socken und Flipflops an den Füßen. Das war der Beginn einer Freundschaft, die bis heute anhält.

Larissa war von da an jeden Tag in der Halle und hat Hilfe angeboten, in der Mittagspause und abends. Viel übersetzt, in Krankenhäuser, zum Arzt, zu möglichen Arbeitgebern begleitet. Aber auch den jungen Mädchen ihren Nagellack gebracht, damit sie sich ein bisschen wohl fühlen konnten.

Larissa vor der Kaiserschnitt-OP einer syrischen Frau (Foto privat)

Nach vier Monaten wurde ihr die Arbeit zu viel. Sie wurde mit so vielen Problemen konfrontiert. „Die ersten vier Monate war einfach viel zu verarbeiten. Jeder dort hatte sein Trauma und wollte es mit mir teilen.“ Sie beschloss, sich auf die Hilfe für schwangere Frauen zu konzentrieren: „Ich hab acht Frauen über zwei Jahre durch ihre Schwangerschaft begleitet. Mit Arzt- und Krankenhausbesuchen. Ich hatte jede Woche mindestens zwei Termine.“

Die Ehemänner waren teilweise froh, wenn sie ihre Frauen nicht begleiten mussten, und die Frauen waren froh, wenn sie mit Larissa über ihre Probleme reden konnten. Auch eine Scheidung hat sie begleitet. „Die Männer, die hierhin gekommen sind, tun mir auch leid. Früher hatten sie ihre Arbeit und ihre Aufgaben. Ganz klare Rollenverteilung. Und hier ist das anders.“

Nach zwei Jahren intensiver Begleitung der schwangeren Frauen waren die Energien von Larissa aufgebraucht. Jetzt hat sie nur noch Kontakt mit der syrischen Frau, die den rosa Schal ihrer Oma hat. Dort hat sie auch die Hochzeit der Tochter mitgefeiert.

Notwendige Kommunikation zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen

Larissa mit ihrer syrischen Freundin (Foto privat)

Ein Thema, das Larissa Abdelhadi auch im Zusammenhang mit den Flüchtlingen umtreibt, ist die abnehmende Fähigkeit zur Empathie, die mangelnde Fähigkeit der Menschen sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen. Sie war geschockt, wie wenig mitfühlend Ärzte, Krankenhauspersonal und Sprechstundenhilfen waren. Larissa hat übersetzt und musste oft die Aussagen deutlich abmildern, höflicher formulieren. Sie hat sich beschwert über deren Umgang mit den Flüchtlingen. Denn sie weiß, wie man in Deutschland eigentlich mit den Menschen umgeht, dass ein höflicherer Ton üblich ist.

Larissa sieht im Alltag die nachlassende Menschlichkeit. Und die zunehmende Angst vor allem Fremden. Sie glaubt, dass das wichtigste die Kommunikation ist. Die Menschen müssen miteinander reden: „wenn uns etwas fremd ist, dann sollen wir fragen. Miteinander ins Gespräch kommen.“ Sie glaubt, dass Frauen eher zu dieser Kommunikation fähig sind. „Warum sollen wir das nicht meistern und die Welt voranbringen. Wir bringen ja die neue Generation auf die Welt, sie kommen aus uns heraus.“

Cannstatt mit seinem Multi-Kulti hat was von einer richtigen Großstadt“

Larissa und ihr Mann haben sich sehr wohl in Cannstatt gefühlt, auch wenn sie jetzt wegziehen. „Cannstatt ist wirklich vom Tag eins gut zu mir gewesen. Ich liebe das Multi-Kulti. Wenn ich von zuhause zum Bahnhof gehe, dann höre ich kaum Deutsch. Ich liebe diese Vielfalt an Essen, die es in Cannstatt gibt. In Stuttgart findest Du die Qualität, die Du hier hast, nicht. Die bodenständige vietnamesische Powerfrau im Sushi-Le, die vielen Griechen-Lokale, Gabis Teeladen, den Markt, den Käseladen von Frau Tutsch.“ Larissa liebt auch die Imbiss-Ecke gegenüber dem Carree mit den Baracken. „ Hoffentlich bleibt das noch eine Weile: Sara aus Eritrea und Big Mama mit dem afrikanischem Essen. Es hat was von einer richtigen Großstadt. Wir lieben Berlin und wir erkennen an so ein paar Ecken und Kanten, dass es so ist wie in Berlin“. Larissa glaubt, dass Cannstatt immer hipper wird, und sie und ihr Mann werden sicherlich immer wieder nach Cannstatt zurückkommen, die Familie besuchen und das Mineralwasser vom Brunnen holen.

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