Hacke, Spitze, eins zwei drei – Die Cannstatter Jungfrauen

Agathe (Foto: Edgar Rehberger)

Agathe, mit der ich das Interview geführt habe, heißt eigentlich anders. Und eigentlich ist sie auch keine Jungfrau: sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Von Beruf ist sie Sonderschullehrerin an einer Sprachheilschule. Aber wenn Fasnacht ist, dann heißt sie Agathe und ist eine der Cannstatter Jungfrauen, die am Fasnachtsmontag als Schnurrgruppe durch die Cannstatter Gaststätten ziehen.

Ihr Erkennungslied ist das: Hacke, Spitze, eins zwei drei. Ruth, die im wirklichen Leben auch anders heißt, hatte das Lied über die komischen Jungfrauen entdeckt, mit dem sie seit 14 Jahren durch die Cannstatter Gaststätten ziehen. Diese Jungfrauen behaupten keinen Mann zu brauchen – es reiche ein Hund, ein Wau-Wau.
Die sechs Cannstatter Jungfrauen treten stets hochgeschlossen auf und achten auf Anstand! „Sie können ganz bestimmt auf uns vertrauen, wir haben niemals einen Mann geliebt.“ Mit diesem Lied hatten sie direkt im ersten Jahr einen echten Erfolg.

Olga, Rösle, Frida, Agathe, Ruth, Liesel
(Foto privat)

Auch wenn sie alle Mitglied bei den Küblern sind, so wollen sie doch keine eigene Abteilung werden. So wie es jetzt ist – unabhängig – so ist es gut.

Jungfrauen bleiben Jungfrauen

Eigentlich formieren sich die Schnurrgruppen jedes Jahr neu, suchen sich neue Themen, neue Kostüme. Deswegen hatten auch sie mal was anderes probiert. Aber alle haben nur gefragt: Wo sind die Jungfrauen? Nun treten sie jedes Jahr als Cannstatter Jungfrauen auf, haben aber jedes Jahr ein neues Lied und bringen auch jedes Jahr eine andere Köstlichkeit mit, die sie großzügig verteilen. Mal ist es das Quittengelee, mal ist es der selbstgemachte Eierlikör.

Rösle (Foto: Edgar Rehberger)

Die Rolle der Jungfrau ist deshalb so reizvoll für sie, weil sie eben so anders ist. „Das Lustige ist, dass alle wissen, dass wir verheiratet sind, dass wir Kinder haben, dass wir Berufe haben, dass wir alle mitten im Leben stehen. In einem Jahr waren auch einige von uns schwanger und dann haben wir gesungen: Eine Jungfrau braucht keinen Mann! Natürlich war das der Witz schlechthin, weil wir mit schwangeren Bäuchen dastanden.“

Ein Vorteil ist, dass sie in dieser Rolle nicht angeflirtet werden. „Wir wirken auf Männer, wir wirken auf Frauen. Aber nicht im sexuellen Bereich. Die finden uns einfach toll. Das ist natürlich eine Wertschätzung, die schön ist.“

Kleidung der Jungfrauen immer hochgeschlossen und „anständig“

(Foto: Edgar Rehberger)

Die Kleidung der Jungfrauen stammt aus den Kleiderschränken ihrer Mütter, Großmütter und Tanten. Es sind elegante Kostüme und Kleider, immer hochgeschlossen und kniebedeckend. Aufgehübscht werden sie durch Spitzenhandschuhe, Brillen, Handtaschen – und Fascinators. Das sind die wunderschönen Hütchen mit den Federn und Schleifen.

Die Namen, die sie sich gegeben haben, benutzen sie den ganzen Tag über. Mit Agathe habe ich das Interview geführt, Frida spielt das Akkordeon und Ruth hatte das Hacke, Spitze-Lied gefunden. Zudem gibt es noch Liesel, Olga und das Rösle!

„Den ganzen Tag über sind wir dann wirklich die Jungfrauen und bleiben auch in der Rolle. Das macht einfach Spaß, wenn wir durch die Straßen laufen und auch außerhalb der Gaststätten weiterspielen. Einige von uns können da was ausleben, was sie sich im Alltag nicht trauen würden.“

Mittlerweile ein großes Liedrepertoire, das sie gemeinsam erarbeitet haben

Frida, Rösle, Olga und Agathe (Foto privat)

Ihr Repertoire umfasst mittlerweile zehn Lieder. Hacke, Spitze, das sie als Jungfrauen vorstellt, hatten sie komplett übernommen. Oft dichten sie aber auch einen Text auf eine bekannte Melodie. Je bekannter desto besser, so können dann alle den Refrain mitsingen. Die Ideen für die Texte kommen aus der Gruppe, wenn sie – auch außerhalb der Fasnacht – gemütlich zusammen hocken. So war das auch beim eigentlich für 2021 geplanten Thema „Parshipping“. „Wir haben überlegt, was passiert, wenn die Jungfrau Parshipping macht, das ist ja schon interessant. Einen Mann findet sie vermutlich nicht, aber – einen Hugo. Mit dem Getränk kommt sie klar, mit dem Mann nicht.“ Und das Ganze auf die Melodie von „Ich will nen Cowboy (Hugo) als Mann“.

Beim Dichten haben alle ein Wörtchen mitzureden. „Wir erarbeiten das immer in der Gruppe. Es schreibt nicht eine im stillen Kämmerchen, das funktioniert nicht, weil es dann nicht authentisch ist. Meist kommt uns beim geselligen Zusammensein eine lustige Idee. Das wird dann mit viel Gelächter und manchen Freudentränen zu einem Grundgerüst, das dann von einer Jungfrau zu Hause, manchmal über Nacht, weiterverfeinert wird. Das Ergebnis kommt wieder in die Runde, und so weiter, bis es fertig ist.“ Manche Lieder haben sie sich auch von einer befreundeten „Ghostwriterin“ schreiben lassen. Das war allerdings ein anderes Schwäbisch. „Da waren so ein paar Sachen drin, die wir gar nicht aussprechen und uns nicht merken konnten. Wir haben immer falsch gesungen. Und dann haben wir das geändert. Jungfrauen-Lieder ändern sich eh immer, wenn wir sie singen. Erst dann werden sie lebendig.“

„Für mich sind die Jungfrauen auch ein Gefühl, das ich nicht missen möchte“

Frida (Foto: Edgar Rehberger)

Sie sind nicht alle begnadete Sängerinnen, einige singen im Chor, andere singen nur als Jungfrau, aber da wachsen sie über sich hinaus. Begleitet werden sie von Frida auf dem Akkordeon, die in den Gaststätten für Aufmerksamkeit sorgen kann: „Klar, wenn wir irgendwo reinkommen und sie spielt einen Tusch, dann ist einfach Ruhe.“

An den Tagen, an denen sie als Jungfrauen gehen, treffen sie sich immer schon mittags zum gemeinsamen Essen. Dann ziehen sie sich gemeinsam um und schminken sich. „Das allein ist schon eine Gaudi, wo wir manchmal auch sagen: Jetzt können wir eigentlich auch hierbleiben. Weil das einfach schon lustig ist. Vielleicht ging es einer an dem Tag vorher nicht so gut und vielleicht hat sie auch eigentlich gar keine Lust. Aber dann kommen wir zusammen und dann ist die schlechte Laune wie weggeblasen.“

Ruth (Foto: Edgar Rehberger)

Ruth meint: „Für mich sind die Jungfrauen auch ein Gefühl, das ich nicht missen möchte. Schon das Anziehen und Schminken, in eine andere Rolle schlüpfen, den Alltag hinter sich lassen, mit allen Frauen zusammen sein, das gibt mir so viel Freude.“

Feine Fasnacht der Jungfrauen am Montag – und auch am Donnerstag

Zunächst sind sie immer nur am Montag mit den Schnurrgruppen aufgetreten. Aber mittlerweile laufen sie auch am Schmotzigen Donnerstag als Jungfrauen. Die Jungfrau, die auch gut ohne Männer feiern kann, passt wunderbar auf die Weiberfasnacht. Und am Schmotzigen Donnerstag, an dem sie sonst immer im Häs unterwegs waren, haben sie gespürt, dass diese feine Fasnacht in der Jungfrau ihnen sehr entspricht, dass sie diese sehr schätzen. Aber: Ihr Häs wollen sie alle auch nicht missen …

Liesel (Foto: Edgar Rehberger)

Liesel meint dazu: „Das Schöne an unserem Jungfrauen-Dasein ist, dass wir in guter alter närrischer Tradition die Menschen über das Singen und Lachen in Verbindung zueinander und zu Lebensfreude und möglicherweise Glückseligkeit bringen.“ Und Agathe meint: „Wir bringen denen eine Art Glückseligkeit, indem wir einfach das machen, was uns Spaß macht.“

Eine gewachsene Gruppe

Die Cannstatter Jungfrauen sind eine gewachsene Gruppe. Das ist ihnen wichtig. Sie haben sich auch gemeinsam auf dieses Interview vorbereitet: Was ist ihnen wichtig? Was soll auf jeden Fall rein? Dieses Gruppengefühl ist ein ganz wesentlicher Faktor für den Spaß – und auch für den Erfolg. Sie sind zwischen 40 und 60 Jahre alt, also durchaus heterogen. Aber das macht auch den Reiz aus: „Ich erinnere mich noch an ein Frühstück, wo Frida und ich mit unseren Säuglingen da standen und immer durch die Gegend gewippt sind. Ruth und Liesel, die schon mehr Erfahrung hatten, saßen ganz gelassen am Tisch und haben uns Mut zugesprochen: das geht vorbei! Wir haben auch außerhalb der Jungfrauen eine ganz feste Beziehung, eine Frauenbeziehung.“ Es ist eine Frauengruppe, die sehr viel Spaß haben kann – auch ohne die Männer.

Es ist gar nicht so leicht, in so einer festen Gruppe neue Frauen aufzunehmen. „Eine Jungfrau kann nicht einfach gecastet werden. Zur Jungfrau wird man berufen, das Lebensgefühl muss man einfach haben.“ So war es auch bei Olga, die als Freundin von Agathe öfters dabei war. Sie hat die Jungfrau für sich entdeckt und auch sofort in die Frauenrunde gepasst. „Nachdem sie dann letztes Jahr ihr Probefasnetsjahr absolviert hat und unsere Finanzen beim Likörle professionell verwaltet hat, war klar: Olga wird offiziell in die Runde der Jungfrauen aufgenommen. Das haben wir dann mit Sekt und einem Lied gefeiert!“

Likörle beim Großen Narrentreffen 2020

Mit kleinen Augen nach dem Narrentreffen 2020
(Foto privat)

Beim Großen Narrentreffen im letzten Jahr hatten die Jungfrauen eine Bar betrieben, das Likörle. Es gab selbstgemachten Kuchen und Eierlikör. Die Bar kam unheimlich gut an und hat den Jungfrauen echt Spaß gemacht. Eigentlich hatten sie gedacht, dass sie bedienen könnten. Aber die Gäste wollten sie immer wieder singen hören. Gut, dass Freundinnen und Mütter geholfen haben – und auch der ein oder andere Mann.

„Das gemeinsam zu erschaffen, mit Dekoration und allem, das hat natürlich nochmal Zusammenhalt in der Gruppe gegeben. Es war definitiv das Highlight von 2020. Außerhalb war beim Narrentreffen Halligalli und bei uns im Likörle war diese feine Fasnet. Viele von den anderen Zünften haben gesagt: Mensch, dass wir euch gefunden haben. Das ist genau die Fasnet, die wir auch zuhause im Örtle leben. Aber auf Narrentreffen haben wir die fast noch nie getroffen.“

Wie geht es weiter?

Dort im Likörle hatten sie einige voller Begeisterung gefragt: Wo kann man euch nochmal sehen, gibt es eine Website, kann man euch buchen? Das hat die Cannstatter Jungfrauen ermutigt weiter zu gehen. In den letzten Jahren waren sie immer wieder zusätzlich zur Fasnacht bei Feiern im privaten Rahmen aufgetreten. Jetzt wollten sie dies weiter ausbauen. Im Sommer wollten sie sich eigentlich von einem Theaterpädagogen beraten lassen und im Oktober hätten sie eigentlich ein Engagement gehabt. Wer weiß, was dann gekommen wäre… „Tatsächlich ist das aber so ein Für und Wider. Zum einen hätten wir natürlich Lust, das Ganze größer und professioneller auszubauen, zum anderen sind wir alle beruflich und familiär eingebunden und müssen schauen, wann das überhaupt geht. Aber Lust hätten wir total.“

Fasnet ist trotzdem

(Foto privat)

Corona stoppte nun aber erst einmal alle Planungen. Aber: „Unsere Art von Fasnet kann man nicht einfach abstellen. Fasnet ist so wie Advent und Weihnachten trotzdem – auch wenn Corona ist. Aber für uns hat sich schon die Frage gestellt: Wie gestalten wir diese Zeit für uns?“

In der Zwischenzeit haben sie sich zweimal online getroffen. Das erste Mal, um zu sehen, wie es allen geht und zu planen, wie die Jungfrauen-Coronafasnet aussehen könnte. „Das zweite Mal haben wir uns als Jungfrauen getroffen. Das war wider Erwarten richtig lustig und der Abend war – wie in der Jungfrauenrunde eigentlich immer – sehr kurzweilig. Wir haben das Ergebnis als Schnurrbeitrag auf der Website vom Kübelesmarkt veröffentlicht. Es gibt also auch dieses Jahr etwas von den Cannstatter Jungfrauen. Denn dieses Lebensgefühl, das lässt sich nicht abstellen. Und Jungfrau schon gar nicht.
Wenn ich gerade drüber nachdenke, dass das dieses Jahr nicht stattfinden kann, wie wir es kennen, da kommt mir schon ein Tränchen.“

Elisabeth Skrzypek

(Foto privat)

Links

  • Cannstatter Jungfrauen 2021 (Der Film) (Der dritte Film von oben. Unbedingt bis zum Schluss anschauen!)
  • Sabine Dentler: Etwas von den eisernen Jungfrauen, in: s’Kübele. Die Jahreszeitschrift des Kübelesmarkt Bad Cannstatt 2015, S. 20 – 21 (online: Kübele 2015)
  • Sabine Dentler: Jede Cannstatter Jungfrau braucht…eine Heimat!, in: s’Kübele. Die Jahreszeitschrift des Kübelesmarkt Bad Cannstatt 2021 (online: Kübelesmarkt)