„Das Kepler“ und die Frauen

Über die ehemaligen Mädchenschulen in Cannstatt habe ich schon geschrieben. Und nun das Kepler? War das nicht eher eine Jungenschule?
Ja, aber …
Immer wieder habe ich über einzelne Mädchen gelesen, die das Kepler-Gymnasium besucht, dort ihr Abitur gemacht haben. Dem wollte ich nachgehen. Und ganz nebenbei die Geschichte des heutigen Johannes-Kepler-Gymnasiums erzählen. Eine lange Geschichte.

Im Mittelalter als Lateinschule gegründet

Denn die Schule, die heute Johannes-Kepler-Gymnasium heißt, wurde schon am Ende des Mittelalters als Lateinschule gegründet. Was sind Lateinschulen? Nun, wie der Name sagt, lernt man dort insbesondere Latein. Und dies „man“ meint wirklich „Mann“. Auf diese Schulen gingen nur Jungen. Mädchen durften nicht Latein lernen. Jetzt denkt man, warum sollten die Mädchen auch Latein lernen wollen? Aber da sehr viele Bücher der Wissenschaft damals nur in dieser Sprache geschrieben waren, war sie sehr wichtig. Und indem man die Mädchen von Latein fernhielt, hielt man sie auch von der Bildung fern.

Die Lateinschule in Cannstatt wurde 1484 das erste Mal erwähnt. Das ist auch die Zeit, in der in anderen Städten Lateinschulen entstanden. Eine Zeit, in der sich mit dem Humanismus die Begeisterung für die alten Sprachen Latein und Alt-Griechisch verbreitete. Eine humanistische Bildung meinte – auch in der Lateinschule in Cannstatt – insbesondere die Beschäftigung mit den alten Sprachen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts entfielen in der Abiturklasse von den 32 Stunden in der Woche 13 auf diese alten Sprachen.

Im 16. Jahrhundert wurde die Lateinschule in Cannstatt um eine Deutsche Schule erweitert, in der anstatt Alt-Griechisch Französisch unterrichtet wurde. Sicherlich eine Notwendigkeit, wenn man bedenkt, dass bis ins 19. Jahrhundert die Kommunikation in den führenden gesellschaftlichen Schichten über Ländergrenzen hinweg in Französisch erfolgte.

Interessanterweise war das Schulgeld in der Lateinschule niedriger als das in der Deutschen Schule. Vielleicht eine Art Förderung der Lateinschule?

Mehr Deutsch, Mathe und Naturwissenschaften

Im Verlauf des 18. und dann insbesondere des 19. Jahrhunderts verlagerte sich der Schwerpunkt immer mehr zu den sogenannten Realen Fächern: Mathematik und Naturwissenschaften, neben Deutsch und Geschichte.

1838 wurde in Cannstatt eine Realschule für Jungen errichtet, die dann 20 Jahre später mit der Lateinschule zusammengeschlossen wurde und den Namen Lyceum erhielt.

Jahn-Realschule

Die Lateinschule und die Deutsche Schule befanden sich zunächst in einem Gebäude beim heutigen Rathaus, eigentlich auf dem heutigen Marktplatz. Ab 1865 wurden sie in einem Gebäude in der heutigen Überkinger Straße untergebracht. Ab 1877 erhielten sie ein neues Gebäude, die heutige Jahn-Realschule am Neckar.

Und zehn Jahre später kaufte die Stadt Cannstatt das Gebäude des Hotels Wilhelmsbad, um dort das Lyceum unterzubringen. Nun erhielt die Schule den Namen Königlich Württembergisches Gymnasium in Cannstatt. Ein fürwahr „wichtiger“ Name.

Die Antike an der Gebäudefront

Erst 1912 wurde das jetzige Gebäude in der Daimlerstraße errichtet.

Homer, Goethe und Cäsar über dem Hauptportal

An der Außenfassade versuchte man die Ausrichtung der Schule auf eine humanistische Bildung deutlich zu machen. Über dem Eingang und dem Rektoratszimmer in der Mitte finden sich die Köpfe von Caesar, Goethe und Homer, als Vertreter der in der Lateinschule wichtigsten Sprachen: Latein, Deutsch und Griechisch.

Herkules, Fortuna, Prometheus und Veritas

Auf dem Dach finden sich – wenn man genau hinschaut – noch weitere Figuren: Rechts sehen wir Fortuna mit dem Glücksball, links liegt Veritas, die Göttin der Wahrheit. Die Himmelskugel in der Mitte wird von dem vorausdenkenden Prometheus und dem für seine Stärke bekannten Herkules umrahmt.
Auch diese Figuren erinnern also an die Antike. Interessant ist der Ausgleich zwischen den Geschlechtern. Kann das vielleicht bereits als Vorgriff auf die Zulassung der Frauen beziehungsweise der Mädchen an das Gymnasium gedeutet werden?

Wie sahen damals die Möglichkeiten für Mädchen in Stuttgart aus ein Gymnasium zu besuchen?

Von der Höheren Bildung, von den Gymnasien, vom Abitur und damit vom Studium waren die Mädchen und Frauen in Württemberg, ähnlich wie in allen deutschen Staaten, bis Ende des 19. Jahrhunderts ausgeschlossen.

Erste Abiturientinnen Württembergs legen am Kepler ihr Abitur ab

Erst 1899 gründete Gertrud Schwend mit zunächst wenigen Schülerinnen das erste Gymnasium für Mädchen in Stuttgart. Dieses Private Mädchengymnasium, das heutige Hölderlin-Gymnasium, war damit auch das erste Mädchengymnasium in Württemberg und das zweite nach Karlsruhe im Deutschen Reich. Die jungen Frauen hatten zuvor eine Höhere Töchterschule besucht und mussten nun in wenigen Jahren die Fächer nachholen, die damals für das Abitur notwendig waren, aber an der Höheren Töchterschule nicht gelehrt werden durften. Das waren Latein, Griechisch und die Höhere Mathematik. Vorgesehen waren sechs Jahre, aber diese jungen Frauen waren so intelligent, so fleißig und wissbegierig, dass vier von ihnen schon nach fünf Jahren 1904 ihr Abitur ablegten. Da das Private Mädchengymnasium dies nicht selber abhalten durfte, mussten die jungen Frauen das an einem „anerkannten“ Gymnasium für Jungen machen. Das Cannstatter Gymnasium bot sich dafür an, da der Vater von Hedwig Dinkel, der jüngsten der Abiturientinnen, dort als Oberpräzeptor tätig war.
Vielleicht zeugt das aber auch von einer gewissen Offenheit in Cannstatt für das Abitur und damit die Zulassung der Frauen zum Studium.

Diese vier Abiturientinnen waren die ersten Frauen in Württemberg, die das Abitur ablegten, und sie waren auch die ersten Studentinnen Württembergs:

  • Martha Vollmöller studierte Medizin in Tübingen.
  • Gertrud Stockmeyer, deren Vater sich als Jurist für den Ausbau der gymnasialen Bildung der Mädchen eingesetzt hatte, studierte Philologie und Geschichte in Tübingen.
  • Anna Stettenheimer studierte in Tübingen zunächst Medizin, wechselte dann aber zur Physik. Nach ihrer Promotion unterrichtete sie am Stuttgarter Mädchengymnasium. 1912 heiratete sie den Philosophen und Rechtstheoretiker Adolf Reinach.
  • Hedwig Dinkel studierte in München und Tübingen Medizin. Sie war die erste staatlich geprüfte Ärztin in Württemberg. Sie lernte bei ihrer Ausbildung im Cannstatter Krankenhaus den Arzt Heinrich Braun kennen, den sie 1912 heiratete. Sie bekamen vier Kinder und betrieben in Cannstatt eine Gemeinschaftspraxis.

Anneliese Braun war das erste Mädchen, das die gesamte Schulzeit am Kepler absolvierte

Mit der Abiturprüfung für diese jungen Frauen hat das Cannstatter Gymnasium also Geschichte geschrieben, aber als Schülerinnen wurden Mädchen zunächst noch nicht aufgenommen. Das bedurfte des Kampfes einer einzelnen Cannstatterin, eben jener Hedwig Braun, geborene Dinkel, die bereits 1904 am Gymnasium ihr Abitur abgelegt hatte. Sie erkämpfte 1923 für ihre Tochter Anneliese Braun die Zulassung ins Gymnasium. Sie schrieb an die Schule, an die Stadt Stuttgart und an das Kultusministerium und erreichte, dass Anneliese im Cannstatter Gymnasium zugelassen wurde. Andere Mädchen stiegen gleichzeitig in höheren Klassen ein. Aber Anneliese Braun war die erste Schülerin, die von der fünften Klasse bis zum Abitur am Gymnasium war.

Anneliese Braun und Hermine Fuchs in der Quarta (1924)

In der sechsten Klasse kam ein weiteres Mädchen dazu: Hermine Fuchs. Damit die beiden Mädchen nicht zu viel schwätzten, wurden sie auseinander gesetzt. Und Anneliese saß neben ihrem Klassenkameraden Thaddäus Troll.
Zum Turn- und Handarbeitsunterricht gingen die beiden Mädchen in die benachbarte Mädchenrealschule.

Anneliese Braun machte 1932 ihr Abitur, studierte Medizin und wurde Kinderärztin in Cannstatt. Über sie und ihre Mutter lohnt sich sicherlich mal ein gesonderter Blogbeitrag.

Mit Anneliese Braun waren also schon relativ früh Mädchen im Cannstatter Gymnasium zugelassen, auch wenn sie eine Minderheit blieben. Das hatte dann aber 1937 ein Ende, als die nationalsozialistischen Machthaber den Ausschluss der Mädchen aus dem Gymnasium forderten. Eine gebildete Frau entsprach nicht ihrem Frauenbild. Zum anderen musste das Gymnasium umbenannt werden: von Gymnasium in Oberschule. Und die Schule sollte nach einem verdienten Mann der Geschichte oder einem nationalistischen Helden benannt werden. Man entschied sich für den verdienten Mann der Geschichte Johannes Kepler.

Heute sind Schülerinnen und Lehrerinnen am Kepler eine Selbstverständlichkeit

Erst 1966 wurden dann wieder Mädchen im Johannes-Kepler-Gymnasium zugelassen. Interessanterweise geschah das genau in dem Jahr, als man wieder mit Latein als erster Fremdsprache begann, gefolgt von Englisch und Französisch. Vielleicht erhoffte man sich durch die Zulassung der Mädchen in den sprachlichen Zug, diesen voll besetzen zu können. Viele Jungen wählten lieber den naturwissenschaftlichen Zweig.
In den naturwissenschaftlichen Zug wurden Mädchen erst ab 1975 aufgenommen.

Heute gehen die Cannstatter Mädchen wie selbstverständlich auf „das Kepler“ und auch der Anteil der Frauen im LehrerInnen-Kollegium scheint ziemlich hoch zu sein, wenn man sich ein aktuelles Foto auf der Website anschaut.

Elisabeth Skrzypek

Literatur

  • Heinz Fäh: Von der Lateinschule zum Johannes-Kepler-Gymnasium, in: Das Johannes-Kepler-Gymnasium Bad Cannstatt. Festschrift im Jubiläumsjahr 1987, Stuttgart 1987, S. 12 – 63

Bildnachweise

  • Homer, Goethe und Cäsar am Haupteingangsportal:
    Von Reise Reise, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20273246 (bearbeitet)
  • Anneliese Braun und Hermine Fuchs in der Quarta 1924
    aus: Das Johannes-Kepler-Gymnasium Bad Cannstatt. Festschrift im Jubiläumsjahr 1987, Stuttgart 1987, S. 47
  • Alle anderen Bilder privat